Politik
«Was haben Sie gegen alte Häuser, Adrian Billerbeck?»
Studiert die Fakten: Adrian Billerbeck, Präsident des Referendumskomitees «Nein zum Erhalt des Taunerhauses», wehrt sich gegen den Vorwurf, man habe die Stimmbevölkerung mit falschen Zahlen geködert.
Bild: bwiEin kleines Häuschen wirft hohe Wellen: Jahrzehntelang liess die Gemeinde das Taunerhaus mitten im Zentrum von Reinach verfallen. Im Jahr 2007 entschied der Einwohnerrat, das Haus abzureissen. Doch dann kam die Kehrtwende: In seiner Sitzung vom 12. März war eine äusserst knappe Mehrheit dafür, das Taunerhaus der Stiftung «Baselbieter Baukultur» zu überschreiben und ihr einen Kredit von 60'000 Franken zu gewähren.
Dagegen wehrte sich die SVP. Sie hatte in kurzer Zeit die nötigen Unterschriften für ein Referendum gesammelt, sodass die Reinacher Stimmbevölkerung am 21. Juni über das Taunerhaus abstimmt. In der Folge bildete sich ein Komitee «Pro Taunerhaus». Dieses wirft den Taunerhaus-Gegnern vor, das Stimmvolk falsch zu informieren. Adrian Billerbeck, Präsident des Referendums-Komitees «Nein zum Erhalt des Taunerhauses», nimmt Stellung.
Reinacher Zeitung: Adrian Billerbeck, was haben Sie gegen alte Häuser?
Adrian Billerbeck: Nichts. Ich bin aber der Meinung, dass wir hier jetzt nicht um jeden Preis ein solch baufälliges Haus erhalten müssen und damit die Planung und Ausführung eines neuen Wohnquartiers für zukünftige Investoren erschweren, verteuern und einengen.
Reinacher Zeitung: Sie sagen «nicht um jeden Preis». Mit der Überschreibung des Hauses an die Stiftung «Baselbieter Baukultur» kommt Reinach zum Nulltarif zu einem schmucken alten Häuschen – denn laut Stiftung braucht es den Kredit von 60'000 Franken nicht mehr.
Adrian Billerbeck: So einfach ist es nicht. Erstens haben wir das Referendum eingereicht, als die Stiftung die 60'000 Franken noch beanspruchte. Zweitens ist das Taunerhaus eine lange Geschichte, und die 60'000 Franken haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Einwohnerrat hat sich im Jahr 2007 klar dafür entschieden, das Haus abzureissen. Drittens ist die Gefahr gross, dass die Sanierung deutlich mehr kosten wird. Viertens stimmt dies mit dem Nulltarif überhaupt nicht: Die Gemeinde verzichtet auf die Baurechtszinsen.
Reinacher Zeitung: Das Referendumskomitee behauptet, die von der Stiftung «Baselbieter Baukultur» genannten 450'000 Franken für eine Sanierung des Taunerhauses würden nicht ausreichen.
Adrian Billerbeck: Das stimmt. Ich hatte die Gelegenheit, das Haus am 4. Mai auch von Innen zu besichtigen. Ich hätte weniger grosse Schäden erwartet, bei einigen Wänden kann man sogar durchsehen – es sah schlimm aus. Ich will niemandem die Kompetenz absprechen, aber es werden höchstwahrscheinlich noch mehr Schäden zum Vorschein kommen, welche die Kosten in die Höhe treiben.
Reinacher Zeitung: Dies ist aber das Problem der Stiftung.
Adrian Billerbeck: Nein: Wenn die Kosten aus dem Ruder laufen – und dies kann bei einem solchen Objekt der Fall sein – dann fällt das Haus an die Gemeinde zurück. Dieses Heimfall-Szenario wird sogar im Kopf-Bericht (Kommission für Planungsfragen) erwähnt, der dem Einwohnerrat bei seinem Entscheid für das Taunerhaus vergangenen März zu Grunde lag.
Reinacher Zeitung: Auch der Abbruch hätte viel Geld gekostet, der Gemeinderat rechnete mit 60'000 Franken, also mit demselben Betrag, den die Gemeinde der Stiftung als Kredit gewährt hätte.
Adrian Billerbeck: Wir gehen davon aus, dass die Abbruchkosten die Hälfte betragen würden, also 30'000 Franken.
Reinacher Zeitung: Wie sind Sie auf den Betrag von 30'000 Franken gekommen?
Adrian Billerbeck: Ich habe von einem regionalen Abbruchunternehmen aus Pratteln ein Gutachten eingeholt. Ein Vertreter hat das Haus besichtigt. 30'000 Franken hätten ausgereicht, das Grundstück nach dem Abbruch überbauungsreif an einen Investor zu übergeben.
Reinacher Zeitung: Die Kosten sind das Eine – doch das Haus bewegt die Emotionen: Es hat den Dreissigjährigen Krieg überlebt.
Adrian Billerbeck: Diese Aussage ist nicht belegt: Im Kopf-Bericht steht, Holzalter-Bestimmungen würden auf das Jahr 1650 verweisen, zum ersten Mal schriftlich erwähnt wird das Haus im Jahre 1738. Die Verwüstungen in der Region in der Folge des Dreissigjährigen Kriegs fanden jedoch 1638 statt. Das Argument mit dem Dreissigjährigen Krieg ist somit nicht zulässig. Da muss man kein Geschichtsexperte sein.
Ausgerechnet uns wurde vom Pro-Komitee vorgeworfen, falsch zu informieren. Dabei stützen wir uns auf Zahlen und Fakten aus offiziellen, einsehbaren Quellen. Beim Pro-Komitee ist dies anscheinend nicht immer der Fall.
Reinacher Zeitung: Trotzdem: Das Taunerhaus vermittelt Identität im verbauten Reinach!
Adrian Billerbeck: Ich glaube, ein Häuschen, das inmitten von 2- bis 4-geschossigen Neubauten verschwindet, ist eher ein Störfaktor. Ausserdem befindet sich das Gebäude nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand: Es hat fünf Bauphasen durchgemacht, und der gesamte für ein Taunerhaus typische Ökonomieteil – etwa eine kleine Scheune – fehlt. Es kann somit nicht mal gesagt werden, ob es überhaupt ein Taunerhaus ist. Ausserdem ist es für die Überbauung Taunerquartier ein Hindernis, es steht der Erschliessung der Autoeinstellhalle im Weg, eine Verbreiterung der Brunngasse zugunsten von Trottoirs ist unmöglich und man muss darum herumbauen.
Reinacher Zeitung: Apropos Taunerquartier: Ihr Referendum verzögert die Planung für das Taunerquartier.
Adrian Billerbeck: Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt: Die Planung für das Taunerquartier wurden bereits früher verzögert. Monatelang musste man auf den Nachweis der Stiftung warten, dass sie fähig ist, das Haus zu übernehmen – da fallen die rund vier Monate zwischen dem Einwohnerrats-Entscheid im März und dem Abstimmungstermin im Juni nicht ins Gewicht.
Reinacher Zeitung: Im Artikel «Warum will die SVP das Taunerhaus weghaben?» wird die These aufgeworfen, wonach Sie und ihr Kollege im Einwohnerat Eric Urban im Clinch mit der Reinacher Baubehörden stehen. Sie wollen mit dem Referendum ihre Unzufriedenheit mit den Baubehörden ausdrücken.
Adrian Billerbeck: Eric Urban und ich stehen sicher nicht im «Clinch» mit der Baubehörde. Es liegt auch absolut nicht in unserem Interesse, mit der Baubehörde im Clinch zu liegen. Warum auch? Ich habe im Einwohnerrat die Frage aufgeworfen, warum Reinach als einzige Gemeinde im Kanton eine eigene Baubewilligungsbehörde braucht, und das war vielleicht nicht für alle angenehm.
Das Taunerhaus ist eine alte Geschichte, und ich kann nicht verstehen, warum es in einen Zusammenhang mit den Baubehörden gebracht wird. Sogar die Taunerhaus-Befürworter haben diese These noch nie aufgestellt. Es braucht wirklich viel Phantasie, hier eine Verbindung herzustellen.
E. Walser, Ihre Kommentare werden immer weniger seriös, Sie wiederholen stur Ihre festgefahrene Meinung. Mir scheint, dass Sie die Argumente von der SVP geliefert bekamen und dass Sie die Unterlagen gar nie selber studiert haben. Schade. – Die Argumente der Pro-Komitees sind nachvollziehbar und können anscheinend schriftlich belegt werden.
F. Werren, Sie sind doch eigentlich derjenige, welcher die Emotionen noch mehr anheizt. So auf jeden Fall, wenn ich Ihre Kommentare und auch den Reinachblog lese. Bessere Werbung können Sie sich auf jeden Fall für Ihren Blog nicht wünschen! Was die Beweise betrifft, so sind diese für jedermann zugänglich. Sie sind doch interneterprobt. Aber es kostet halt viel «Frei-»Zeit. Auch ich habe als Taunerhausfreund viel Zeit gebraucht, um Daten und Fakten zusammen zu tragen. Diese Zeit und Sammeln von substanziell begründeten Informationen war es mir aber Wert. Alles was die Kontras schreiben ist lediglich eine Wiedergabe von Beschlüssen und Protokollen. Auch dass die Gemeinde Reinach auf den Baurechtszins verzichtet ist dem Einwohnerrat bekannt, ebenso das Verzeichnis über die kommunal schützenswerte Objekte ist keiner Fantasie entsprungen, sondern nackte Tatsache. Auch dieses Verzeichnis ist ein «Erguss» der Politik, welches von einer Mehrheit von Links nach Rechts einmal unterstützt wurde. Die Pros vertreten lediglich ihre Meinung und das ist auch ihr gutes und demokratischs Recht. Dagegen hat mit Sicherheit niemanden etwas. Aber wenn die Pros behaupten, dass etwa das Taunerhaus ein kommunal schützenswertes Objekt und im Verzeichnis aufgeführt ist, dann ist das schlichtwege eine Lüge und Falschinformation oder dass keine weiteren Kosten für die Gemeinde entsteht ebenso. Denn entgangener Baurechtszins schmälert die Einnahmen der Gemeinde. Oder dass die Substanz des Taunerhauses gut ist, ist ebenso eine Lüge, was eine Besichtigung der Kontras bestätigt. Vielleicht sollten Sie und die Pros mal einen Termin bei der Gemeinde vereinbaren und an einer Besichtigung (Helm bitte nicht vergessen) sich selber vom desolaten Zustand des Taunerhauses überzeugen! Es ist nur schade, dass die Pros ein Fest «Taunerhaus» über das Auffahrtwochenende veranstalten, an dem die Bevölkerung oftmals eine Brücke schlägt und ein paar Tage verreist wie ich. Aber vielleicht wurde dieses Datum bewusst so gewählt!
Die Emotionen gehen derzeit ziemlich hoch. Die «Pros» schiessen gegen die «Kontras» - und umgekehrt. Facts – so richtig schwarz auf weiss – habe ich von den «Kontras» bis jetzt nicht erhalten. Nur Hinweise auf falsche Informationen und Argumentation der «Pros». Nun noch das Interview mit dem Herrn Billerbeck. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass beide Seiten das Gleiche voneinander behaupten .... oder täusche ich mich? Bis jetzt habe ich von den «Kontras» nur Gegenargumente, aber keine Beweise gesehen. Gerne lasse ich mich mit den entsprechenden Dokumenten überzeugen. Die «Pros» haben zumindest im Ansatz mit der Homepage einen Schritt in die Öffentlichkeit gemacht. So etwas vermisse ich bei den Abbruch-Befürwortern bis jetzt.
Ich sehe jedoch derzeit das Haupt-Problem vielmehr darin, dass etliche Informationen nur für wenige Personen direkt zur Verfügung stehen. Für die breite Masse der (Stimm-)Bevölkerung sind diese bisher nur äusserst schwierig – und mit erhöhtem Aufwand – zu beschaffen. Möglicherweise ändert sich das ja mit dem Versand der Abstimmungsunterlagen. Ich persönlich bin nach wie vor unentschlossen – eher verunsichert – wem ich glauben soll. Ich bin aber gerne bereit mich dokumentieren und überzeugen zu lassen – von beiden Seiten! Der Reinachblog.ch steht ihnen zur Verfügung!
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Doris Huggel
15.05.09 : 11:53 Uhr
Bei der Zusammenkunft der Stiftung für Baselbieter Baukultur und dem Referendungskomitee der SVP wurden seitens der Stiftung alle Aspekte zum Taunerhaus erörtert, erklärt und auf Fragen ausführlich eingetreten. Auch die von Gemeinderat Franz Hartmann schon in der Vergangenheit mehrfach vertretene Meinung, wonach das Taunerhaus gar keines sei, weil ihm Scheune und Stall fehlten, wurde ausführlich auf wissenschaftlicher Grundlage widerlegt: Es gibt keine «Taunerhaustypologie».
Armeleutehäuser, zu denen Taunerhäuser gehören, wurden dem oft sehr kleinen Bauplatz (am Rande des Dorfes, am Rande der bäuerlichen Gesellschaft) angepasst, mit dem Baumaterial, das man sich gerade noch leisten konnte, darunter viel Zweitverwendetes, Gefundenes etc. Der Stall für die Ziege oder die Kuh konnte ein Gehütt sein, oder ein Anhangschopf, wie beim Reinacher Taunerhaus. Erweiterungen durch die Zeit dokumentieren, dass mehr Leute im Haus untergebracht werden mussten, und dass man sich die bescheidenen Erweiterungen leisten konnte. Auch dafür ist das Taunerhaus ein sehr beredter und rührender Zeuge. Da wäre es unsinnig, nur den «Originalbau» zu erhalten.
Das Haus ist durchaus zu retten, die Finanzierung steht. In der Sitzung wurde auch ausführlich dargelegt, dass sich die Zeiten ändern und damit die Voraussetzungen und Betrachtungsweisen. Darum wollen heute mehr Reinacher/innen keinen öden Platz, sondern das Taunerhaus, das zur Reinacher Identität gehört, Alt und Neu ansprechend verbinden wird und mit seiner Stellung die Brunngasse definierend mitgestaltet.
Schade, dass die an der Sitzung gelieferten Informationen im Nachhinein so unlauter verdreht wurden. Zur Abstimmung wird die Stiftung über die wichtigsten Punkte zur Rettung informieren.
Dr. Doris Huggel, Präsidentin der Stiftung für Baselbieter Baukultur